Sonnenfinsternis? Regendüsternis!

Das alte Jahrtausend verabschiedete sich von Stuttgart mit einer totalen Sonnenfinsternis. Die Astronomen hatten das extrem seltene Ereignis ganz gewissenhaft berechnet für Mittwoch, den 11. August 1999 um 12 Uhr 34. Wir erwarte-ten, nichts zu sehen, nämlich nichts von der Sonne, weil sie vom Mond verdeckt würde, und wir bekamen auch nichts zu sehen, aber anders als erwartet. Doch der Reihe nach.

Schon Tage zuvor waren Pappbrillen mit Lichtschutzfolie knapp geworden, um die sich die Bürger balgten. Auch waren die Leute gewarnt worden, sich nicht mit einem direkten Blick durchs Fernrohr die Augen zu versengen. Ganz pfiffige hatten ihre Stuttgarter Wohnung an Interessenten von der Waterkant vermietet, weil die zuhause nur eine teilweise Sofi geboten bekommen hätten, und waren lieber in den Urlaub gefahren.

Als der Tag da war, zeigte es sich, dass das astronomische Schattenspiel freundlicherweise während der Mittagspause stattfand. So konnten sich auch diejenigen, die arbeiten mussten, mitten am Tage unter die bunte Menge auf dem Stuttgarter Schloßplatz mischen. Ob Müßiggänger oder Lohnempfänger, alle schlenderten erwartungsfroh zum Himmel blickend umher; nur die tapferen Männer und Frauen von der Müllabfuhr ahnten, kritisch zum Boden blickend, was auf sie zukam. Während auf der Erde wir ungezählten Namenlosen beisammen standen, düste über den Wolken eine Anzahl Auserwählter auf drei Concorde-Flugzeuge verteilt in doppelter Schallgeschwindigkeit mit dem Mondschatten dahin.

Wir bevölkerten unseren Grillplatz, die Nasen gen Himmel gereckt, die Augen mit dunklen Brillen geschützt. Die Frau Nachbarin trug zur Feier des Ereignisses einen Bikini, ihr Galan feierte das Naturschauspiel mit Sekt. Doch während sich der Mond wie prophezeit vor die Sonne schob, schoben sich ausgerechnet dann blickdichte Wolken vor die beiden Himmelskörper. Immerhin wurde es dunkel, sogar richtig finster, es fing an zu regnen, die Straßenlaternen begannen zu glimmen und die Gespräche verstummten. Das Schwei-gen war bang und peinlich, bis es endlich wieder etwas heller wurde.

Das war wohl nichts; statt einer Sonnenfinsternis gab’s eine Regendüsternis. Doch wir dürfen uns nicht beklagen: Die Jünger der Wissenschaft, die Astronomen und die Meteo-rologen, hatten alles genau so vorhergesagt. Trotzdem war die Stuttgarter Sofi 1999 für alle, die hierher gekommen oder hier geblieben waren, der Reinfall des Jahrtausends. Doch nur Geduld, meine lieben Freunde! Schon im Jahr 2081 soll über Stuttgart die nächste totale Sofi stattfinden. Wir wollen mal sehen, ob’s dann wieder regnet.

alle Storys