• Schilderung der Reichspogromnacht in Stuttgart
  • Schilderung der Pogromnacht in Stuttgart
Themen:
Wertung:

Mein Vater als Augenzeuge der Reichspogromnacht in Stuttgart

Am 11. November 1938 schrieb mein Vater Peter Huber  (1920 -1943) aus Stuttgart einen Brief an seine spätere Frau Lisbeth Huber  (1920 -2008) in Freiburg. 

 Dieser Brief schien eingangs dem damals Üblichen seiner Briefe zu entsprechen: Viel Liebelei, etwas HJ und Nazi-Propaganda, etwas Kultur.

Mein Vater entschuldigte sich gleich zu Beginn seines Briefes vom 11. November bei seiner Lisbeth, weil er ihr so lange nicht geschrieben habe. Dabei waren es nur drei Tage, an denen er ihr nicht geschrieben hatte. Aber es sei ja so viel los gewesen:

Dienstags Schule, mittwochs Erledigungsgänge, dringender Schriftverkehr und dann der letzte HJ-Dienst, sowie eine Feier zum 9. November auf einer Weggabelung im Wald, unter Beteiligung von HJ und BDM.

Mein Vater berichtete:

„Wir sangen Lieder. Dann kamen Einzelsprecher und Sprecherinnen. Danach zündete der Gefolgschaftsführer seine Fackel an und sprach wirkungsvoll das Folgende:  ‚Am 7. November 1938 starb in Paris, von feiger jüdischer Mörderhand erschossen, der Gesandtschaftsrat vom Raht. Wir gedenken seiner: Senkt die Fahnen!‘ – Nun ging unser Hauptscharführer von einem der 16 Fackelträger  zum andern  und entzündete der Reihe nach ihre Fackeln, wobei er unter leisem Trommelwirbel jedes Mal den Namen eines der 16 Gefallenen vom 9. November 1923, dem Marsch auf die Feldherrnhalle in München, ausrief. Es folgten Sprecher und eine Ansprache des Gefolgschaftsführers. Dann Abmarsch! “

Diesem Brief legte mein Vater dann noch einen Brief seines Freundes Albert Dossenbach bei. Albert Dossenbach, der mit meinem Vater gemeinsam das Jesuiteninternat in St. Blasien besucht hatte,  berichtete in seinem Brief über die Einweihung des Sportplatzes in St. Blasien vor fünf Wochen. Die Schüler des Jesuiteninternats hatten diesen Sportplatz erstellt. Auch mein Vater war daran beteiligt.

Albert Dossenbach schrieb u.a.:

„Ursprünglich sollte sie am Sonntag stattfinden, doch während der letzen Probe am Samstag teilte uns Mumm plötzlich mit, dass die Einweihungsfeier für Sonntag verboten worden wäre. Ebenso durfte keine Flagge gehisst werden. Wir waren natürlich etwas niedergeschlagen und die ganze Sache wurde am auf Montag verlegt. Mumm hatte vom Reichssportführer persönlich einen Brief bekommen, worin der Mumm zu seiner großartigen Leistung beglückwünschte und bedauerte, nicht selbst an der Feier teilnehmen zu können. Das war natürlich ein wohltuendes Pflaster auf das andere hin.  Der Chef hielt die Einweihungsansprache worin er Mumm und uns dankte. Bei verschiedenen hatte er allerdings nicht viel Grund, z.B. bei Eugen und mir. Aber wir haben den Dank entgegengenommen, in Vertretung des Vorarbeiters Huber. Dann sprach Mumm ein paar Worte und im Auftrag der Schüler dann Jupp der Olympier und brachte auf ‚Männe‘ das traditionsreiche ‚Zicke,zacke, zicke, zacke – hoi, hoi, hoi‘ aus. Jupp hatte übrigens seinen großen Tag: Er gewann den Hundertmeterlauf vor Hermann und lief gleich darauf die Vierhundert Meter und kämpfte sich auch da auf den ersten Platz. … Es war eine gemeine Hitze an diesem Tag und die Bahn war noch immer etwas weich und wir waren geschlaucht. … In der Schule gibt es jetzt schwer zu tun… In Geschichte stehen wir jetzt beim Erwerb der Kolonien…  Vom HJ-Dienst sind wir jetzt beurlaubt. …. Ich hatte mich freiwillig zur Flak gemeldet, wurde aber wegen meiner Schwerhörigkeit auf einem Ohr abgelehnt. Vielleicht muss ich überhaupt nicht dienen. … Vielleicht werde ich bei irgendeiner großen Firma als technischer Kaufmann eintreten, wenn es geht als Auslandsvertreter. … Für das Briefmarkensammeln wirst Du wohl nichtmehr viel Zeit haben. Ich schicke Dir anbei ein paar mit.“

Dem Brief hatte Dossenbach auch ein Foto vom Sportplatz und von der Einweihung beigelegt.

Zu Lisbeths besserem Verständnis gab mein Vater noch einige Erläuterungen zu Dossenbachs Brief:

Der „Chef“ sei „Pater Direktor“, „Mumm“ und „Männe“ sei „Erbel“, „Jupp“ , der „Olympier“, sei Peters ehemaliger Klassenkamerad und Jungzugführer „Jupp Schreiner“, Hermann sei einer aus der St. Blasier 8b, das Haus der Frau Bürgin habe einen Anbau erhalten. Dass Dossenbach auch technischer Kaufmann werden wolle wie Peter, sei doch lustig.

Zum Schluss seines Briefes erwähnte mein Vater noch, dass er gegen seine Langeweile sich Filme ansehe und ins Theater gehe. So habe er den Film „Das blaue Licht“ mit Leni Riefenstahl in der Hauptrolle sich zu Gemüte geführt und im Theater werde er morgen die erste Vorstellung des „Ring“  von Wagner sich ansehen. Am Sonntag sei dann die zweite Wagner-Vorstellung und am Mittwoch werde die dritte geboten. Am Sonntag in acht Tagen endlich noch der Schluss, die „Götterdämmerung“ aufgeführt.  Doch bereits am  26. folge dann schon wieder eine Theatervorstellung des HJ-Veranstaltungsrings. „Mein Sohn der Herr Minister“ sei der Titel des Stücks. Und die nächste Woche gehe er eventuell in Schillers „Räuber“, sofern es noch Karten gebe. Natürlich bekomme er durch diese Besuche auch immer sehr wertvoll Anregungen. Es seien also nicht nur willkommene Ablenkungen.

Alles in diesem Brief schien also wirklich dem Üblichen der Briefe  meines Vaters zu entsprechen.

Doch dann berichtete mein Vater über ein schreckliche Geschehen, was später als die „Reichskristallnacht vom 10. November 1938“ in die Geschichte einging.

Denn:

Am 10. November 1938 wurde mein Vater Augenzeuge wie die die Nazis in Stuttgart jüdische Geschäfte demolierten, Juden drangsalierten und einsperrten sowie die Synagoge anzündeten.

In diesem Brief vom 11. November schilderte mein Vater voll Entsetzen seiner Lisbeth das furchtbare Geschehen wie folgt:

„Wie ich gestern Morgen mit der Straßenbahn durch die  Königsstraße, die Stuttgarter Haupt- und Prachtsstraße, fuhr, sah ich überall dicke Menschenknäuel herumstehen und in etwa zehn bis zwanzig jüdischen Geschäften, das sind alle die dort sind, waren sämtliche Scheiben, Schaufenster, Türen  usw. radikal  zertrümmert oder höhere Fensterscheiben  mit Steinen eingeworfen. Es sah fürchterlich aus , die ganze Prachtstraße entlang Trümmerhaufen als ob die Tschechen hier gewütet hätten. Weit und breit  keine Polizei und in der Hospitalstraße alles schwarz  von Menschenmassen. Dort brannte seit drei Uhr in der Nacht lichterloh die Synagoge, während die Feuerwehr sich nur bemühte, die Nachbarhäuser zu schützen. Man bedenke. Dies im Stadtzentrum! Die Akten der Synagoge waren von der Gestapo vor dem Anzünden geborgen worden… Und  vor dem Polizeipräsidium war alles abgesperrt. Ununterbrochen wurden mit Lastwagen verhaftete Juden eingeliefert! Man hätte meinen können, es sei in der Stadt ein Aufruhr ausgebrochen. Mittags nach der Schule ging ich nochmal durch die Königsstraße. Jetzt war auf einmal alles voll Polizei, die Plünderungen  verhinderte und die furchtbaren Menschenversammlungen für den Durchgang des Verkehrs wenigstens notdürftig zerteilte. Vor einem jüdischen Geschäft  stand ein grauer SA oder SS-Kübelwagen und junge Männer in Rohrstiefeln, Reithosen, einfachem Braunhemd, aber in Zivil, mit Hut und Jacke, schlugen gerade hier noch die Fensterscheiben ein, mittags um zwei Uhr, gegenüber dem württembergischen Finanzministerium, in der Hauptstraße von Stuttgart. Und der nächste Polizist war einige achtzig Meter entfernt und sah nicht hin, obwohl die Königsstraße, 30 Meter breit (!), bis auf einen schmalen Schlauch von fünf bis zehn Meter  völlig verstopft war von hunderten Menschen, die mit Ärger oder Vergnügen oder bloß Neugierde  zusahen. Nachher setzten sich die Kerle in ihren Geländewagen und fuhren ab. Das ganze ging unter absoluter Duldung  der Polizei vor sich. Schüler des Eberhard-Ludwig-Gymnasiums gingen  in der Pause (!) zu einem unbedeutenden jüdischen Tabakgeschäft in einer Seitenstraße,  neben  dem ein Polizist stand und warfen die Fensterscheiben ein. Der Polizist  rührte keinen Finger!  Andere erzählten, in der Königsstraße hätten junge Kerle von zwölf bis vierzehn Jahren die meisten Fenster eingeschlagen. Ich selber hörte in der Straßenbahn zwei zehnjährige(!) Knirpse schimpfen. Sie hätten gerne noch mehr Fenster eingeworfen. Es sei eine Sauerei, dass so viele Menschen dagewesen seien.  – ‚Do hent so feine Taschemesser und  Taschelampe im Schaufenster glege, do hätt i mir apaar mitgnomme, aber die viele Leut…!‘ – Da kann man nur eines sagen: Pfui Teufel, pfui! Erstaunlich ist, dass sämtliche (!) Synagogen in Stuttgart, Württemberg, Berlin, ja fast in ganz Deutschland, in derselben Nacht , auf einen Schlag, fast zur gleichen Zeit in Brand gesteckt wurden, dass überall die Gestapo vorher die Akten vorher rausgeholt hatte, dass überall die Feuerwehr nicht löschte, sondern nur die Nachbarschaft schützte und dass systematisch sämtliche jüdischen Geschäfte innerhalb weniger Stunden wie nach einem aufgezeichneten Plan zerschlagen wurden. Und da wagen sie noch, in der Zeitung von spontanen, also plötzlichen, aus dem Volke herauskommenden, Taten und Demonstrationen zu reden! Pfui Teufel, pfui! Wer das glaubt, ich hab ja gesehen, wie das hier in Wirklichkeit  zuging. Man meint ja, ein Haufen von Banditen habe in Stuttgart  gehaust! Ich will mich hier nicht weiter darüber verbreiten, aber schön war es nicht  und ich sollte meinen, wir Deutsche wären viel zu sehr im Recht, viel zu stolz, als dass wir solch niedrige, gemeine banditenhafte und obendrein völlig sinnlose Rache nötig hätten. Ich selber bin auch erschüttert und empört durch diesen zweiten ‚Fall Gustloff‘ und habe meiner Meinung  schon deutlich genug Ausdruck gegeben. Bei sowas mache ich nicht mit. Dazu bin ich mir zu anständig. Ich will nicht auf die Stufe  von Bolschewiken, Rowdies und Pöbel herabsinken. Ich bin ein Deutscher und das verpflichtet doch zu einer gewissen inneren  und äußeren Haltung!“

An den Rand notierte Peter noch eine Aufforderung an Lisbeth. Sie solle dies auch „den andern“ vorlesen oder erzählen. Er schreibe dies auch für diese. Sie würden sich sicherlich über ihn freuen. Offensichtlich war es ihm wichtig, dass man wusste, dass er sich von solchem Treiben distanzierte.

Aber bei all seiner Empörung, war doch nicht zu übersehen, dass die Nazipropaganda auch ihn schon kräftig infiziert hatte.  Worte wie: „…als ob die Tschechen hier gewütet hätten“  oder vom „zweiten Fall Gustloff“ oder wie „Ich will nicht auf die Stufe  von Bolschewiken“ oder „Ich bin ein Deutscher und das verpflichtet doch zu einer gewissen inneren  und äußeren Haltung!“ zeugten davon.

Später fragte ich mich, als sein Sohn:

„Wie war es möglich, dass mein Vater nach diesem Erlebnis und seiner Haltung dazu, weiterhin vom Nationalsozialismus überzeugt war und erst 1943 als Soldat in Rußland zu einer anderen Sicht kam?“

Und immer wieder machte mir diese zwiespältige Haltung meines  Vaters, nämlich einerseits gegenüber seinen jüdischen Freunden und Bekannten und andererseits gegenüber der Verfolgung der  Juden durch die Nazis, zu schaffen  und machte mir  deutlich, wie erfolgreich die Nazipropaganda war und wie gefährlich nationalistisches Gift ist.

Später, 1964, bestätigte der Bruder meines Vaters, Heinz Huber (auch mein Patenonkel) , in einer Dokumentation, die Vermutung meines Vaters, dass das, was als „Kristallnacht“ in die Geschichte eingegangen ist, tatsächlich ein von den Nazis und von ganz oben organisiertes Verbrechen war. Heinz Huber berichtete:

„Am 7. November 1938 wurde in Paris der deutsche Botschaftsangehörige  und SA-Mann Ernst vom Rath durch den Juden Herschel Grynspan ermordet. Dies gab den erwünschten Anlass zu der längst geplanten ‚Abrechnung‘  mit den Juden. – Was als ‚spontane Reaktion des Volkszorns ‚ hingestellt wurde, war in Wirklichkeit bis ins kleinste organisiert. Der Gestapo- und SD-Chef Heydrich richtete am 10. November 1938 um 1.20 Uhr ein Blitzfernschreiben an alle Gestapoleitstellen und SD-Führer, in dem u.a. die Brandstiftung an Synagogen empfohlen wurde.  Weisungsgemäß ließ der  ‚spontane Volkszorn‘ in der Nacht vom 9. Zum 10. November die Synagogen in Flammen aufgehen…Am 12. November wurde eine neue Serie von Verordnungen gegen Juden  erlassen: Die Synagogen wurden geschlossen. Alle Schäden, die in der ‚Kristallnacht# angerichtet worden waren mussten von Juden sofort und auf ihre eigenen kosten beseitigt werden. Versicherungsansprüche der Juden wurden zugunsten des reiches beschlagnahmt. Göring verordnete: ‚Den Juden deutscher Staatsangehörigkeit wird die Zahlung einer Kontribution von einer Milliarde Reichsmark an das deutsche reich auferlegt‘. Den Juden wurde verboten Handels und Handwerksbetriebe zu leiten. Das bedeutete für Tausende von jüdischen Familien den Verlust ihrer Existenzgrundlage. Weiter wurde den Juden der Besuch deutscher Theater und Kinos verboten. Goebbels sagte. ‚Es wäre zu überlegen, ob es nicht notwendig ist, den Juden das betreten des deutschen Waldes  zu verbieten‘. Eine weitere Verordnung erlaubte, ‚Juden in der Öffentlichkeit  räumlich und zeitliche Beschränkungen aufzuerlegen‘, woraus man später das recht herleitete, wieder wie im Mittelalter Gettos für Juden einzurichten. In Kennkarten und Pässen wurden bei Juden neben den richtigen Vornamen die Namen ‚Israel‘ und ‚Sara‘ eingetragen und überdies ein großes ‚J‘ eingestempelt. Die einzige Möglichkeit, all dem zu entkommen, war die Emigration. Bis zum Juli 1939 waren etwa 125 000 deutsche Juden ausgewandert. Etwa 375 000 Juden waren bei Kriegsausbruch  noch in Deutschland, se es, dass sie einfach nicht glauben konnten, die Verfolgung werde bis zur physischen Vernichtung getrieben werden, sei es, dass sie es nicht über sich brachten, ihre Heimat zu verlassen, in der sie seit Generationen lebten und in deren Sprache und Kultur sie verwurzelt waren, oder sei es, das sie die finanziellen Mittel zur Emigration nicht aufbringen konnten, nicht zuletzt das von den Behörden verlangte ‚Lösegeld‘, das in Devisen bezahlt werden musste (50 000 Schweizer Franken, später 100 000 Schweizer Franken). Wer nicht in der Lage war, zu emigrieren, konnte dem Konzentrationslager nicht entgehen, der nächsten Station auf dem Leidensweg der Juden, nicht nur in Deutschland, sondern im gesamten Machtbereich Hitlers.“

Huber, Heinz, „Das Dritte Reich“, Zweiter Band, S. 504 ff,  Verlag Kurt Desch, München Wien Basel, 1964

 

Heinz Huber hatte schon 1960/61, in seiner großen vierzehnteiligen Fernsehdokumentation „Das Dritte Reich“  den Deutschen das schreckliche Geschehen in seinem ganzen Ausmaß vor Augen geführt.

alle Storys