• Vom echten Mokhda gibt es kein Foto mehr. Dieses Bild zeigt marokkanische Truppen der französischen Armee bei einer Parade 1945 in Waldenbuch bei Stuttgart. Eine solche Uniform hat auch Mokhda getragen.
  • Vom echten Mokhda gibt es kein Foto mehr. Dieses Bild zeigt marokkanische Truppen der französischen Armee bei einer Parade 1945 in Waldenbuch bei Stuttgart. Eine solche Uniform hat auch Mokhda getragen.

Mokhdas Ziege

Mokhda war ein marokkanischer Offizier in französischen Diensten. Er war gegen Ende des Krieges, im April 1945, mit den französischen Kolonialtruppen nach Stuttgart gekommen. Wenn er in seiner hellen Uniform daherkam, war er immer „impeccable“ – freundlich, nett, und tadellos – und neben ihm trippelte stets eine kleine schneeweiße Ziege, das Maskottchen seiner Kompanie.

Wir Kinder liebten ihn wegen seiner Ziege und auch bei den jungen Müttern war Mokhda ein wohl gelittener Gast. Wir Kinder durften seine Ziege dann zum Grasen führen. Selbst wenn wir lange wegblieben mit der Ziege machte uns niemand Vorwürfe, weder Mokhda noch die Mutter.

Für uns Stuttgarter war der Krieg zu Ende. Man sah jetzt französische Uniformen auf den Straßen, überall. Die sie trugen waren aber keine Franzosen, sondern Algerier, Tunesier, Marokkaner. Und das merkwürdigste: mehrmals am Tag breiteten sie auf dem Schulhof der Bismarckschule, direkt vor unserem Wohnzimmerfenster, ihre kleinen Gebetsteppiche aus. Sie kauerten nieder, die Knie, die Hände, die Nase auf dem Boden, die Stirn immer zum Karlsplatz gerichtet, weil dort, so hatten wir Kinder es verstanden, das rätselhafte Mekka liege. Denn am Karlsplatz wurde jeden Morgen mit schmetterndem Clairon und Trommelwirbel die Trikolore gehisst.

Eines Tages herrschte große Aufregung: „Mokhdas Ziege ist weg!“ Die Kinder riefen es sich zu, sie liefen durch die Straßen, alle suchten die kleine schneeweiße Ziege. Und wenn Kinder in kleinen Horden unterwegs sind, dann finden sie alles: „Da ist sie!“ Man hörte es rufen von hinter der Bismarckschule, wo die Soldaten einquartiert waren, und alle rannten hin.

Da saß eine Gruppe nordafrikanischer Soldaten, sie hatten ein Feuer entzündet, und mit Entsetzen sahen wir Kinder, dass die Ziege schon gefesselt am Boden lag. Die Soldaten wollten sie schlachten, braten und verspeisen. Außer Atem kam der gute Mokhda angerannt und da bekamen die verhinderten Fleischesser aber was zu hören – in wütendem Arabisch! Sie sprangen auf, standen stramm, denn Mokhda war immerhin ein Offizier. Sie banden die Ziege los, auch sie sprang auf, und im Triumphzug führten wir Kinder sie nach Hause – Mokhda, der Held, vorneweg.

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