Die Augensalbe

Wir wohnten damals in Stuttgart-Feuerbach. Ich war zwar erst vier Jahre alt, doch meine Mutter schickte mich schon zu allerlei Besorgungen los: „Utz, geh’ zur Milchfrau.“ „Utz, hol’ Brezeln.“ „Utz, wir brauchen frische Leberwurst.“ Gab mir der Metzger stattdessen Kalbsleberwurst mit, musste ich nochmal hin. So auch, als ich Augensalbe für meinen kleinen Bruder Jens in der Alten Apotheke holen sollte. Das war weit: zuerst zum Karlsplatz, dann die Grazer Straße entlang bis zur zweiten Querstraße und schließlich waren noch fünf steinerne Stufen zu erklimmen, hinauf in die Apotheke. Der Apotheker schmierte ein wenig gelbe Salbe in einen kleinen gläsernen Tiegel, den ich vorsichtig entgegennahm. Vorsichtig stieg ich die steile, schmale Steintreppe hinunter, vorsichtig ging ich die Grazer Straße zurück, immer den kostbaren Tiegel mit beiden Händen fest haltend und fest im Blick. Vor der Metzgerei am Karlsplatz bin ich gestolpert und hingefallen – der Tiegel zersprang! Mit den Scherben in der Hand ging ich zurück zur Alten Apotheke, übertriebene Vorsicht war jetzt nicht mehr nötig. Der alte Apotheker war so freundlich, nochmals ein wenig gelbe Salbe in einen kleinen gläsernen Tiegel zu schmieren. Ich nahm ihn entgegen, doch jetzt fiel ich gleich die steile, schmale Steintreppe hinunter und der Tiegel war hin. So waren es wenigstens nur ein paar Schritte zurück in die Alte Apotheke. Der Apotheker war noch immer verständnisvoll, denn er schmierte zum dritten Mal ein wenig gelbe Salbe in einen kleinen gläsernen Tiegel, den ich wieder vorsichtig entgegennahm. Um es kurz zu machen: ich schaffte es tatsächlich bis in unser Haus, noch lag die Treppe in den ersten Stock vor mir, die war ich noch nie hinunter gefallen. Aber jetzt fiel ich sie hinauf und der Tiegel war hin. Unverdrossen wanderte ich mit den Scherben in der Hand zur Alten Apotheke, der Weg war mir inzwischen sehr vertraut. Doch der Apotheker lehnte ab: „So oft kann ich die Augensalbe nicht ersetzen.“ Zuhause wartete mein kleiner Bruder entzündeten Auges auf Salbe, und so brachte ich zwar keinen Glastiegel mit gelber Salbe, aber immerhin gelbe Salbe mit Glasscherben nach Hause. Unsere Mutter las die kleinen Splitter so gut es ging heraus, dann schmierte sie das Zeug dem Jens ins Aug’.

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